{"id":86,"date":"2021-07-28T19:40:07","date_gmt":"2021-07-28T19:40:07","guid":{"rendered":"https:\/\/kolonie10.de\/?p=86"},"modified":"2021-07-28T19:40:07","modified_gmt":"2021-07-28T19:40:07","slug":"die-geschichte-der-koloniestrasse","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kolonie10.de\/?p=86","title":{"rendered":"Die Geschichte der Koloniestra\u00dfe"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Koloniestra\u00dfe 10 &#8211; eine Dokumentation<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><strong>Teil 1<\/strong><\/h3>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"aligncenter size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/kolonie10.de\/wp-content\/uploads\/2021\/07\/Kolonie10-8-1024x768.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-88\" width=\"522\" height=\"391\" srcset=\"https:\/\/kolonie10.de\/wp-content\/uploads\/2021\/07\/Kolonie10-8-1024x768.jpg 1024w, https:\/\/kolonie10.de\/wp-content\/uploads\/2021\/07\/Kolonie10-8-300x225.jpg 300w, https:\/\/kolonie10.de\/wp-content\/uploads\/2021\/07\/Kolonie10-8-768x576.jpg 768w, https:\/\/kolonie10.de\/wp-content\/uploads\/2021\/07\/Kolonie10-8-1536x1152.jpg 1536w, https:\/\/kolonie10.de\/wp-content\/uploads\/2021\/07\/Kolonie10-8-2048x1536.jpg 2048w, https:\/\/kolonie10.de\/wp-content\/uploads\/2021\/07\/Kolonie10-8-1200x900.jpg 1200w, https:\/\/kolonie10.de\/wp-content\/uploads\/2021\/07\/Kolonie10-8-1980x1485.jpg 1980w\" sizes=\"auto, (max-width: 522px) 100vw, 522px\" \/><figcaption>Die Koloniestra\u00dfe 10 &#8211; ein Fuhrhof im Wedding<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Im vergangenen Jahr haben wir umfangreiche Recherchen durchgef\u00fchrt, diverse fachkundige Menschen befragt und um ihre Expertise gebeten, mit dem Zweck die Erhaltungsw\u00fcrdigkeit und das Allgemeininteresse des Geb\u00e4udekomplexes Koloniestra\u00dfe 10 aufzuzeigen und zu begr\u00fcnden, warum dieser w\u00fcrdig ist durch z.B. einen Ensembleschutz oder einer baulichen Erhaltungssatzung gesch\u00fctzt zu werden und somit uns allen erhalten zu bleiben.<\/p>\n\n\n\n<p>Dabei ist eine Dokumentation entstanden, welche sich mit der Historie der Koloniestra\u00dfe im Allgemeinen besch\u00e4ftigt und dann in die Geschichte der Nr. 10 eintaucht. Ein Fuhrhof im Wedding, als dieser noch lang nicht zu Berlin geh\u00f6rte. In der Gegenwart angekommen besch\u00e4ftigen wir uns mit der beispielhaften Begr\u00fcnung im Hof, der Flora und Fauna und den geb\u00e4udespezifischen Besonderheiten. Es geht um die kulturelle und soziale Bedeutung von Objekten und Projekten wie der Kolonie10 im Kiez, wie auch interkiezonal und um die aktuelle Nutzung und die Visionen der Mieter*innen und Nutzer*innen des Hofes.<\/p>\n\n\n\n<p>In den folgenden Artikeln, wollen wir euch Einblicke in diese Dokumentation geben.<br><strong>Dazu beginnen wir mit der Geschichte der Koloniestra\u00dfe.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Erstmal ein paar Fakten:<\/strong><br>Die Koloniestra\u00dfe befindet sich heute im Berliner Bezirk Mitte im Ortsteil Gesundbrunnen.<br>Sie ist 1340m lang und verl\u00e4uft von der Kreuzung Bad-, Exerzier- und Schwedenstra\u00dfe im S\u00fcden, \u00fcber die Osloer- und Soldiner Stra\u00dfe und findet ihr n\u00f6rdliches Ende in der Einm\u00fcndung K\u00fchnemannstra\u00dfe und somit an der Grenze zum Bezirk Reinickendorf.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>So weit, so gut\u2026<br>Aber wer oder was gab der Koloniestra\u00dfe eigentlichen ihren Namen? Wie sah es damals dort aus? Wann und warum wurde der Wedding zur \u201eHochburg der Arbeiterparteien\u201c? Warum \u201eroter Wedding\u201c? Und wie ver\u00e4nderte sich die Gegend w\u00e4hrend und nach der NS-Zeit?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Here we go:<br>Im 18. Jahrhundert begann eine planm\u00e4\u00dfige Anlegung kleiner Siedlungen am Rande der damaligen Stadt Berlin. So entstand ab 1752 auf dem heutigen Wedding die Kolonie \u201eNeues Voigtland\u201c und zwischen 1782 und 1784 ist die erste Niederlassung der Kolonisten in der \u201eKolonie hinter dem Luisenbad\u201c nachweisbar. Genau diese Kolonisation gibt der Koloniestra\u00dfe um 1800 ihren Namen (fr\u00fcher hie\u00df sie \u201eStra\u00dfe nach Pankow\u201c).<br>Es waren Bauern, die der preu\u00dfische K\u00f6nig Friedrich der Gro\u00dfe aus dem Ausland angeworben hatte, um die Bev\u00f6lkerung Berlins mit Obst und Gem\u00fcse zu versorgen. 13 Familien zogen in die Koloniestra\u00dfe, die damals noch ein einfacher Sandweg war, und bekamen jeweils ein bescheidenes H\u00e4uschen geschenkt. Das letzte dieser Kolonistenh\u00e4user steht bis heute in der Koloniestra\u00dfe 57 und ist denkmalgesch\u00fctzt.<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend zu Beginn des 19. Jahrhunderts noch ca. 350 Menschen an der Panke lebten, hatte sich die Einwohnerzahl 1843 vervierfacht und 1925 bereits vertausendfacht.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Hier machen wir einen kleinen Cut zur Einordnung.<br>Erste Eintr\u00e4ge zur Koloniestra\u00dfe 10 fanden sich um 1860. Das Vorderhaus wurde etwa 1880 erbaut. Der Hof, welcher in seiner Struktur und Anlage noch heute so existiert, war einer von vielen Fuhrh\u00f6fen in der Gegend und ist heute einer der letzten in diesem Umfang noch erhaltenen. Hier fanden sich St\u00e4lle, Stellmacher, Sattler, Kutschen usw., also alles was gebraucht wurde, um das angebaute Obst und Gem\u00fcse in die Stadt zu fahren. Fuhrh\u00f6fe wie die Nr.10 waren also ein wichtiger Bestandteil der damaligen Infrastruktur und unabdingbar, um die Versorgung der Bewohner*innen Berlins zu gew\u00e4hrleisten.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>1861 wurde die Umgebung der Koloniestra\u00dfe nach Berlin eingemeindet und bildete, bis zur Gr\u00fcndung Gro\u00df-Berlins (1920) das n\u00f6rdlichste Stadtviertel.<br>Neue Fabriken (Osram, Rotaprint, AEG u.a.) wurden auf dem Wedding erbaut und es brauchte Wohnraum f\u00fcr die Arbeiter*innen. Viele der Weddinger Hinterh\u00f6fe mussten der verdichteten Wohnbebauung im Rahmen der Industrialisierung weichen. Dort wo einst die typischen zweigeschossigen Remisen standen, die als Wohnraum der Mitarbeiter*innen der Fuhrunternehmen, sowie als Werkst\u00e4tten und St\u00e4lle dienten, entstanden nun mehrgeschossige Wohnbauten als Seitenfl\u00fcgel und Hinterh\u00e4user. Diese neuen Quartiere der Arbeiterbezirke waren durch prek\u00e4re Wohn- und Lebensverh\u00e4ltnisse gekennzeichnet. \u00dcberbelegung von Wohnraum und soziale Missst\u00e4nde auf dem Wedding lassen sich auch in Werken von Heinrich Zille und George Grosz ablesen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Unmut der Arbeiter*innen \u00fcber die sozialen Ungerechtigkeiten wuchs. Diese Situation f\u00fchrte zu einem Erstarken der fr\u00fchen Arbeiter*innenbewegung und es entstanden Gewerkschaften und Sport- und Bildungsvereine der Arbeiter*innen. In der Weimarer Republik wurde der Wedding als Hochburg der Arbeiterparteien bekannt und seither \u201eRoter Wedding\u201c genannt. Vor 1933 lebten besonders viele KPD-Mitglieder*innen und Sympathisant*innen in der Koloniestra\u00dfe.<\/p>\n\n\n\n<p>In den letzten Monaten der Weimarer Republik fielen die Nazis dann immer pr\u00e4senter in den Wedding ein. Sie \u00fcbernahmen Kneipen und Lokale, hissten Hakenkreuzflaggen und sangen ihre Lieder bis sp\u00e4t in die Nacht. Die Verfolgungen, Verschleppungen, Folterungen und Morde durch die Nazis nahmen im Fr\u00fchjahr 1933 rasant zu. W\u00e4hrend sie im Januar noch mit Steinen, Flaschen und lautem Protest aus dem Bezirk getrieben wurden, \u00e4nderte sich das Bild schlagartig binnen weniger Wochen und Monate. Verbale Drohungen, offene Gewalt auf den Stra\u00dfen bis zu Misshandlungen und Morde in den Kellern von Kneipen, sch\u00fcchterten die Bev\u00f6lkerung ein und zerm\u00fcrbten politische Gegner*innen des NS-Regimes. Bereits im April 1933 schrieb die NS-Zeitung \u201eDer v\u00f6lkische Beobachter\u201c, dass die letzte \u201eKommune-Hochburg\u201c nun von Soldaten \u201eerst\u00fcrmt\u201c worden sei &#8211; gemeint war hier der Wedding, genauer die K\u00f6sliner Stra\u00dfe in der die Motorstaffel der Berliner SA nun ein Sturmlokal er\u00f6ffnet hatte.<br>Je mehr die Pr\u00e4senz der Nazis auch wuchs und je brutaler ihr Vorgehen gegen ihre politischen Feinde wurde, desto mehr wuchs allerdings auch die Widerstandsbewegung im Wedding. Da viele Arbeitertreffpunkte und kommunistische Lokale nun von SA-Truppen zu Sturmlokalen und Folterst\u00e4tten umfunktioniert wurden, trafen sich Arbeiter*innen, Kommunist*innen und Widerstandsk\u00e4mpfer*innen vermehrt in ihren Wohnungen bzw. in den dazugeh\u00f6rigen Kellern. Dort wurden Flugbl\u00e4tter und Zeitungen, wie \u201eDer Funke\u201c oder \u201eDer revolution\u00e4re Vertrauensmann\u201c verfasst und gedruckt, Aktionen oder Streiks besprochen und geplant und vernetzt, mit der Ansicht, dass \u201eein Sturz des Regimes nur von den Gro\u00dfbetrieben ausgehen k\u00f6nnte und dass es g\u00e4lte, ein Netz von Vertrauensleuten zu kn\u00fcpfen\u201c (Henry Jacoby, Funke-Gruppe).<\/p>\n\n\n\n<p>Der Wedding blieb, wenn auch stark dezimiert und ob der Gefahr verhaftet, verschleppt oder get\u00f6tet zu werden, ein Ort an dem Regimegegner*innen, mittlerweile im Untergrund oder versteckt arbeiteten. So auch, der 1944 vom NS-Regime ermordete Widerstandsk\u00e4mpfer Paul Junius. Nach ihm wurde eine Stra\u00dfe in Berlin Lichtenberg benannt. Ein wichtiger kommunistischer Treffpunkt war das Lokal \u201eZur Kr\u00fccke\u201c in der Koloniestra\u00dfe, welches noch in den 1980er Jahre existierte.<\/p>\n\n\n\n<p>1945 wurde ein Drittel der Geb\u00e4ude im Wedding, insbesondere die Schul-, See- und Badstra\u00dfe schwer besch\u00e4digt oder zerst\u00f6rt.<\/p>\n\n\n\n<p>I<strong>m n\u00e4chsten Artikel gehen wir auf die direkte Geschichte der Koloniestra\u00dfe 10 ein. Wie sah es hier aus? Wer hat hier gewohnt und gearbeitet? Wie entwickelte sich der Hof \u00fcber die Jahre und was macht ihn heute aus?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"aligncenter size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/kolonie10.de\/wp-content\/uploads\/2021\/07\/3823B8A7-2891-4C14-B3A0-35A8BC2188F1-576x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-87\" width=\"355\" height=\"631\" srcset=\"https:\/\/kolonie10.de\/wp-content\/uploads\/2021\/07\/3823B8A7-2891-4C14-B3A0-35A8BC2188F1-576x1024.jpg 576w, https:\/\/kolonie10.de\/wp-content\/uploads\/2021\/07\/3823B8A7-2891-4C14-B3A0-35A8BC2188F1-169x300.jpg 169w, https:\/\/kolonie10.de\/wp-content\/uploads\/2021\/07\/3823B8A7-2891-4C14-B3A0-35A8BC2188F1.jpg 750w\" sizes=\"auto, (max-width: 355px) 100vw, 355px\" \/><figcaption>Kolonie10 heute<\/figcaption><\/figure><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Koloniestra\u00dfe 10 &#8211; eine Dokumentation Teil 1 Im vergangenen Jahr haben wir umfangreiche Recherchen durchgef\u00fchrt, diverse fachkundige Menschen befragt und um ihre Expertise gebeten, mit dem Zweck die Erhaltungsw\u00fcrdigkeit und das Allgemeininteresse des Geb\u00e4udekomplexes Koloniestra\u00dfe 10 aufzuzeigen und zu begr\u00fcnden, warum dieser w\u00fcrdig ist durch z.B. einen Ensembleschutz oder einer baulichen Erhaltungssatzung gesch\u00fctzt zu werden [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"ngg_post_thumbnail":0,"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-86","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-uncategorized"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/kolonie10.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/86","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/kolonie10.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/kolonie10.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kolonie10.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kolonie10.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=86"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/kolonie10.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/86\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":89,"href":"https:\/\/kolonie10.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/86\/revisions\/89"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/kolonie10.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=86"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/kolonie10.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=86"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/kolonie10.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=86"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}